Türkiye Cumhuriyeti

Berlin Başkonsolosluğu

Konuşma Metinleri

Almanya’da aşırı sağcı terör – dört yıl sonra NSU?” isimli etkinlik, 04.11.2015

Rede des Generalkonsuls, Herrn A. Başar Şen anlässlich der Veranstaltung „Rechtsextremer Terror in Deutschland - was folgt vier Jahre nach NSU?“
04. November 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,
Zunächst möchte ich mich für die Gelegenheit bedanken, dass ich heute im Rahmen dieser Veranstaltung zu Ihnen sprechen kann. Gemeinsam erinnern wir uns heute an die Aufdeckung der grausamen Terrorserie des NSU und diskutieren den aktuellen Stand der Aufklärungsergebnisse dieser schrecklichen Ereignisse.
Voranstellen möchte ich zudem meinen aufrichtigen Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren, dafür, dass sie solch eine wichtige Veranstaltung auf die Beine gestellt haben.

Verehrte Damen und Herren,
Die ca. 3 Millionen in Deutschland lebenden Türken bilden die größte türkische Community außerhalb der Türkei. Die mittlerweile in Deutschland lebenden 4 Generationen der türkeistämmigen Migranten beteiligten sich in den vergangenen 50 Jahren in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft und leisteten einen großen Beitrag zum wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben Deutschlands. Allein in Berlin leben rund 250.000 Berlinerinnen und Berliner mit „Migrationshintergrund Türkei“. Sie spiegeln die Vielfalt der türkischen Kultur und sind in den vergangenen zehn Jahren in allen Bereichen des Lebens aufgestiegen und Teil der Mehrheitsgesellschaft geworden. Die Türkischstämmigen haben heute in jedem Berufszweig Ihren Platz gefunden und sich als Unternehmer, Arbeitgeber, Ärzte, Ingenieure, Architekten, Anwälte, Akademiker, Künstler, Autoren, Dichter, Schauspieler, Sportler und Politiker sowie im öffentlichen Dienst integriert.
Sie haben sich hier ihre Existenz aufgebaut und identifizieren sich inzwischen mit ihrer neuen Heimat Deutschland.

Immer wieder sprechen wir von Integration von Migranten. Eines muss hierbei jedoch besonders beachtet werden: Integration ist nie ein einseitiger Prozess! Sie braucht Gegenseitigkeit, Entgegenkommen der Mehrheitsgesellschaft, sie braucht Toleranz und Respekt. Sie muss frei von Vorurteilen und Diskriminierung sein.
Leider beobachten wir zunehmend, dass (nicht nur in Deutschland) weltweit die Abgrenzung zum "Anderen" zunimmt und dass rechtsextreme Tendenzen in den gesellschaftlichen Strukturen an Boden gewinnen. Die Erfolge der Migranten überwinden leider rassistische Ausgrenzungen nicht. Der zunehmende Rechtsextremismus in Deutschland wirft die weitere Frage auf, wie ernst diese Gefahr genommen wird.

Es darf nicht sein, dass irgendwo in Deutschland mindestens drei, vier rechte und rassistisch motivierte Gewalttaten pro Tag stattfinden, dies inzwischen zum Alltag gehört und dass sich die Gesellschaft mit dieser Problematik abgefunden hat. Die hiesige türkische Gemeinschaft, die am meisten von Diskriminierungen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betroffen ist, gehört aber mit ihrer Kultur und Religion zu Deutschland. Deutschland ist ihr neues Zuhause. Umso wichtiger ist es, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Problemen, Versäumnissen und Vernachlässigung dieser Gesellschaftsgruppe stattfindet. Nur so kann ein gemeinsames friedliches und auf gegenseitigem Vertrauen basierendes Miteinander geschaffen werden.

Meine Damen und Herren,
Die NSU-Morde sind als eine der größten Skandale seit dem 2. Weltkrieg in die Geschichte Deutschlands eingegangen. Es sind inzwischen vier Jahre vergangen, seitdem die rechtsextreme terroristische Vereinigung, Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), der verantwortlich für die Morde an 10 Menschen, 8 von ihnen türkischstämmige, enttarnt wurde.
Die Existenz der NSU und deren Untaten stellen ein Trauma im kollektiven Gedächtnis der türkischen Community in Deutschland dar.
Es ist ein mehrfaches Entsetzen: Das Entsetzen über die Gräueltaten selbst, das Entsetzen darüber, dass die Terrorgruppe jahrelang unbehelligt morden und Anschläge verüben konnte, das Entsetzen darüber, dass bei all diesen Gewalttaten ein rechtsradikaler Hintergrund ausgeschlossen wurde und statt dessen die Angehörigen der Mordopfer Verdächtigungen ausgesetzt wurden, das Entsetzen darüber, dass nach fast 50-jähriger gemeinsamer Geschichte in Deutschland der rechtsextreme Hass auf Nichtdeutsche eine solch unvorstellbare und unbegreifliche Dimension angenommen hat.
Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass die türkischen Migrantinnen und Migranten und wir, die Vertreter der Republik Türkei, eine vollständige Aufklärung dieser und aller anderen rechtsextremistischen und rassistischen Vorfälle erwarten.

Meine Damen und Herren,
Wir sind davon überzeugt, dass die deutschen Behörden, Medien und zivilgesellschaftliche Institutionen ihre Bemühungen zur Erhöhung der Sensibilität gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie weiterentwickeln müssen.

Die Haltung der Bevölkerung und Medien sowie die Auseinandersetzung mit dieser Thematik sind besonders von Bedeutung. Insbesondere Angriffe gegenüber Moscheevereine finden in den Medien keine Beachtung oder leider nur in Form von weniger relevanten Berichten.
Während im Jahr 2014 43 Angriffe gegenüber unseren Staatsbürgern und Moscheevereinen registriert wurden, liegt diese Anzahl in diesem Jahr bereits bei 44 Angriffen.
Rechtsextremismus nährt sich von dem Begriff des „Anderen“ und versucht, sich dadurch in der Gesellschaft zu etablieren. Die gemeinsame Aufgabe aller in diesem Land lebenden Menschen sollte es daher sein, nicht in "wir" und "andere" zu teilen, sondern ein kollektives Gewissen zu entwickeln, damit ähnliches Leid nicht noch einmal durchlebt wird.
In diesem Sinne möchte ich meine Rede mit einem Zitat von der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth beenden: „Nicht mit Brandsätzen und Brandanschlägen beginnt der Hass gegen Minderheiten zu keimen, sondern mit diskriminierendem Gerede, dem nicht der energische Widerspruch entgegengesetzt wird.“

Vielen Dank!