Türkiye Cumhuriyeti

Berlin Başkonsolosluğu

Konuşma Metinleri

Gençlik Daireleri yetkilileri ile tanışma yemeği , 17.02.2015

Kennenlernveranstaltung des Arbeitskreises (AKKJH) mit den Berliner Jugendämtern
Eröffnungs- und Grundsatzrede des Generalkonsuls der Türkei, Ahmet Başar ŞEN,
17. Februar 2015

Sehr geehrte Leiter/innen und Mitarbeiter/innen der Jugendämter, (Senat, Familien für Kinder)
Verehrte Mitglieder des Arbeitskreises Kultursensible Kinder- und Jugendhilfe,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich, Sie anlässlich dieser Kennenlernveranstaltung hier im Türkischen Haus begrüßen zu dürfen. Ich heiße Sie alle herzlich willkommen. Es freut mich außerordentlich, dass wir auf solch einer besonderen Plattform die Möglichkeit haben, uns für unseren gemeinsamen Zweck, für das Wohl unserer Kinder- und Jugendlichen auszutauschen. Für das von Ihnen gezeigte Interesse bedanke ich mich ganz herzlich.
Meine Damen und Herren,
Als eine der wichtigsten sozialen Institutionen beeinflusst die Familie Individuen maßgeblich und bereitet sie auf die Gesellschaft vor. Je besser die Erziehung der Kinder ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese als ausgewogene Persönlichkeiten ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Leider hat nicht jedes Kind die Chance, in einer Familie aufzuwachsen, in der Liebe, Zuneigung und Wertschätzung vermittelt werden. Umso wichtiger ist die Bedeutung eines Systems, dass Kinder, die nicht in intakten Familien aufwachsen können, auffängt und ihnen zur Seite steht. Hierbei kommt die Kinder- und Jugendhilfe zum Einsatz. Die Jugendämter, die eine wichtige Säule der Kinder- und Jugendhilfe bilden, sind Garanten dafür, dass das Wohl des Kindes nicht nur eingefordert, sondern auch umgesetzt wird. Sie greifen in schwierige Familienverhältnisse ein und helfen direkt vor Ort, das Zusammenleben in unserer Gesellschaft sozial und menschenwürdig zu gestalten. Sie tragen dazu bei, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.
Gleichzeitig sind wir aber auch überzeugt, dass trotz der verantwortungsvollen Umsetzung des Fürsorge-Auftrages in einigen Punkten Verbesserungs- bzw. Anpassungsbedarf besteht.
Meine Damen und Herren,
Jeder vierte Einwohner Berlins hat einen Migrationshintergrund; Tendenz steigend. Entsprechend beeinflusst die kulturelle Pluralisierung alle Handlungsfelder und Aufgabenbereiche, auch die der Kinder- und Jugendhilfe. In einer vielfältigen und multikulturellen Stadt wie Berlin muss ein Aspekt besonders beachtet werden: die Interkulturalität der Kinder-und Jugendhilfe.
Zu Anfang meiner Dienstzeit in Berlin vor zwei Jahren habe ich nicht gewusst, dass die Probleme zwischen Jugendämtern und türkischen Familien, die meiner Meinung nach insbesondere im Bereich der Kommunikation und des Vertrauens bestehen, mich so intensiv beschäftigen würden. Inzwischen weiß ich mehr… Ich bin immer wieder mit den Vorwürfen türkischer Eltern konfrontiert worden, dass die Jugendämter türkische Familien anders behandeln würden als die Familien mit deutschen Wurzeln. Türkische Mütter und Väter haben vorgetragen, dass ihre Kinder aus ihren Familien unrechtmäßig entfernt worden wären, dass Gutachter die Probleme, Anliegen und Strukturen der Familien nicht verstanden und Richter die Familien nicht genug gehört hätten, dass Jugendamtsmitarbeiter sie diskriminiert oder mit Vorurteilen belegt behandelt hätten usw. usf…
Das Kind ist fast immer Mittelpunkt einer türkischen Familie, deshalb sind die Menschen oft sehr verzweifelt. Ich habe zwar versucht, auf jede einzelne Frage einzugehen und jeden einzelnen Fall sowohl mit der Familie als auch mit dem zuständigen Jugendamt zu erörtern, um einvernehmliche Lösungen zu finden, aber es kostete alle Beteiligten sehr viel Zeit und Mühe, die schon entstandenen Barrieren und das genseitige Misstrauen zu überwinden.
Es ist mir mit der Zeit klar geworden, dass wir einen zivilgesellschaftlichen Puffer für alle Parteien brauchen, die alle Seiten versteht und allen als kompetente Vertrauensorganisation in einer lockeren Form beisteht. So entstand die Idee des Arbeitskreises.
Meine Damen und Herren,
Die türkische Community in Berlin besteht aus ca. 250.000 Mitgliedern. Sie sind in vielen Bereichen sehr gut in das gesellschaftliche Leben Berlins integriert. Niemand kann sich ein Berlin ohne Türken vorstellen und das ist natürlich gut so!
Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe gibt es jedoch meiner Meinung nach noch Verbesserungsbedarf. Eines der wichtigsten Probleme ist das negative Bild der Jugendämter in der Bevölkerung. Dieses Bild ist nicht nur in der deutschen Bevölkerung, sondern mehr noch unter türkeistämmigen Migranten stark verbreitet. Es wird zusätzlich von den Medien unterstützt und führt dazu, dass ein Brief oder ein Besuch vom Jugendamt in Familien oft Furcht und Angst auslöst. Diese Nervosität und Panik bei den Betroffenen erschwert dann eine lösungsorientierte Zusammenarbeit erheblich. Kommunikationsprobleme spitzen sich durch kulturelle Unterschiede oder Sprachbarrieren oftmals noch zu.
Damit der Zugang zu den Familien erleichtert wird, müssen die kulturellen Unterschiede der jeweiligen Individuen berücksichtigt werden. Die interkulturelle Öffnung der Kinder- und Jugendhilfe und die Entwicklung von Instrumenten, welche beim Eingriff in die Familie die kulturellen Unterschiede berücksichtigen, ist die größte und bedeutendste Herausforderung dieses Systems. Wir sind davon überzeugt, dass ein kultursensibler Umgang unter Berücksichtigung der Faktoren wie Tradition, Werte, Sprache und Religion die Effizienz der Arbeit in diesem Bereich steigern wird. Dies betrifft sowohl die Jugendhilfe als auch den Bereich Pflegefamilie.
Neben der kultursensiblen Betreuung der Betroffenen ist es auch unser Anliegen, dass türkeistämmige Kinder, die in Obhut genommen werden, ihre eigene Kultur, Religion und Muttersprache nicht vergessen müssen. Wir wünschen uns, dass sie sich in die deutsche Gesellschaft integrieren, ohne die Bindung zu ihren Wurzeln zu verlieren. Warum? Weil das Kindeswohl nicht nur im materiellen Bereich liegt und das seelische und geistige Wohl eines Menschen nicht erreicht werden kann, wenn der Mensch seine kulturellen Wurzeln verliert. Meiner Beobachtung nach entstehen sehr viele Probleme in Gesellschaften mit mehreren kulturellen Gruppierungen dann, wenn die Heranwachsenden die Bindung zu ihren eigenen Wurzeln verlieren, während sie sich auch im anderen Kulturkreis nicht zuhause fühlen. Es entstehen leider dann Individuen, die sehr dazu neigen, sich in extremen Strömungen, marginalen Gruppierungen und kriminellen Strukturen zu verlieren.
Meine Damen und Herren,
In der türkischen Community besteht ein großer Aufklärungsbedarf über das Pflegefamiliensystem und über die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in Berlin. In dieser Hinsicht muss noch viel getan werden. Dies kann allerdings nur erfolgreich sein, wenn wir eine gemeinsame Basis schaffen, auf der die Jugendämter, die Trägervereine und die türkischen Vereine, die auf diesem Gebiet aktiv sind, kooperieren und ein offenes Ohr füreinander haben.
Für den kulturspezifischen Jugendhilfebedarf der türkeistämmigen Familien in Berlin wurde die Zivilinitiative “Arbeitskreis für kultursensible Kinder-und Jugendhilfe” unter der Schirmherrschaft unseres Generalkonsulats gegründet. Durch einen ständigen intensiven Dialog und eine enge Zusammenarbeit mit Behörden und Trägern möchte die Initiative im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zugunsten der türkeistämmigen Familien mitwirken und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen.
Die unterschiedlichen Mitglieder des Arbeitskreises, von denen viele gleichzeitig wertvolle Arbeit in ihren eigenen Vereinen leisten, repräsentieren die Vielfalt der Berliner türkischen Community. Ich kann mit Stolz sagen, dass das gesamte Spektrum der türkischen Einwanderergesellschaft hier vertreten ist. Die Besonderheit und die Stärke dieser Initiative besteht im gemeinsamen Ziel: das Wohl des Kindes zu schützen, Familien zu unterstützen und für ihr harmonisches Zusammenleben zu sorgen. Dieses Ziel und die Einsatzbereitschaft der Mitglieder haben es geschafft, die Kräfte und Potenziale unter dem Dach dieser Initiative zu bündeln. Ich bin mir sicher, dass unsere Gruppe sich unter dem Grundsatz des Dialogs aktiv im Bereich der Kinder-und Jugendhilfe einbringen wird. Die heutige Veranstaltung ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
Mit der heutigen Begegnung möchte sich die Initiative ihren wichtigsten Ansprechpartnern, den Jugendämtern, vorstellen und mit Hilfe Ihrer Ideen, Impulse und Erfahrungen, sehr geehrte Jugendamtsvertreter, Kooperationsmöglichkeiten erörtern. Ich bitte Sie, als Repräsentanten der Jugendämter, diese Initiative, die die Worte Kindeswohl, Kultursensibilität und Kooperation, also die drei K’s großschreibt, mit Wohlwollen zu betrachten und zu behandeln. Bitte lassen Sie uns auch wissen, in welchen Bereichen und wie dieser Arbeitskreis Ihre Arbeit erleichtern könnte.
( und welche Funktion die Initiative in Zukunft für die Jugendämter haben kann?)
An dieser Stelle möchte ich mich bei den Mitgliedern des Arbeitskreises noch einmal ganz herzlich für das seit über einem Jahr gezeigte ehrenamtliche Engagement bedanken. Ebenso bedanke ich mich beim Senat für Bildung und Jugend und dem Trägerverein „Familien für Kinder“, mit denen wir uns in regelmäßigen Treffen austauschen, für ihre Kooperationsbereitschaft. Ich danke Ihnen allen, dass Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehrt haben. Ich wünsche allen einen schönen Abend mit anregender Unterhaltung.